Aktuelle Forschungsprojekte
Die folgenden Forschungsprojekte sind zum Teil noch in der Konzeptions- oder Entwurfsphase, sind beantragt oder aktuell in der Bearbeitung.
Wirksamkeit und Stresserleben von Zugpilot*innen bei Straßenumzügen am Beispiel des CSD-Berlin
Der Christopher Street Day (CSD) in Berlin ist einer der größten Versammlungen in Deutschland. Mit mehreren Hunderttausend Teilnehmer*innen sind die Verkehrs- und Straßenraumkapazitäten durch den CSD in zentralen Bereichen der Innenstadt Berlins an der Belastungsgrenze. Die hohe Anzahl der Teilnehmer*innen führte 2023 vor allem im Bereich der Abschlusskundgebung zu Personendichten, die einen Einsatz von Rettungskräften des Sanitätsdienstes sowie der Feuerwehr im Notfall erschwert hätten und die bei unvorhergesehenen Ereignissen zu Personenströmen mit gefährlichen Besucherstromdynamiken hätten führen können. Die Wagen haben sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten vom Ort der Eröffnungskundgebung bis zur Abschlusskundgebung bewegt, so dass große Teile der Demonstrationsroute für eine längere Zeit für den Verkehr gesperrt waren. Zum Berliner CSD 2024 wurden testweise Zugpilot*innen eingesetzt, die die Aufgabe hatten, Wagengruppen zu koordinieren, um eine gleichmäßige Geschwindigkeit ohne Lückenbildungen zu erreichen. Studierende des Studiengangs Theater- und Veranstaltungstechnik und -management von Berliner Hochschule für Technik wurden hierfür unterweisen und der Einsatz unter Berücksichtigung des subjektiven Stresserlebens und der Bewertung des Einflusses von Stressoren wissenschaftlich begleitet.
Semantische Analyse von Awarenesskonzepten bei Festivals in Deutschland
Schon vor der COVID-19-Pandemie hat es zahlreiche Veranstaltungen in Deutschland gegeben, bei denen Veranstaltende gemäß einem verschriftlichten Awarenesskonzept handelten und dort fest geschriebene Maßnahmen umgesetzt haben. Insbesondere in der Clublandschaft und wegen der großen Schnittmenge der Besuchendengruppen auch zunehmend bei Festivals gewinnen Awareness-Ansätze an Bedeutung. Ann Wiesental hat bereits 2007 den Awareness-Ansatz in Deutschland bekannt gemacht und führt an, dass der Begriff Awareness das erste Mal auf den Protesten anlässlich des G-8-Gipfels 2007 verwendet wurde. Hier wurde ein „Antisexist Contact- and Awarenessgroup“ eingesetzt, das mit eigenständiger Verortung ansprechbar war und einemsicheren Raum für Menschen bot, die sich durch sexistische Handlungsweisen betroffen fühlten. (Wiesental 2024, S. 14). Das von ihr herausgegebene Handbuch zu Awareness liegt mittlerweile in der dritten Auflage vor und hat zahlreiche Gruppen dazu ermutigt, konkrete Handlungsoptionen zu entwickeln. Mit der beginnenden Öffnung ab Mitte 2022 bis zur Aufhebung aller Maßnahmen im April 2023 hat sich eine Bewusstheit für die Vulnerabilität unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen in der Clublandschaft und bei Festivals verstärkt. Clubs und Festivals waren auch innerhalb der Veranstaltungswirtschaft in besonderem Maße durch die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie betroffen. Spätestens mit dem Ende der Maßnahmen hat auch die Bedeutung von Awareness innerhalb der Festivallandschaft stark zugenommen.
Auch wenn keine allgemeingültige Definition von Awareness existiert, sind doch bei den verschiedenen Ansätzen größere Gemeinsamkeiten festzustellen. Für die Awareness Akademie gilt Awareness als das „Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für Situationen, in denen die Grenzen anderer überschritten werden oder wurden.“ (o.J.) Für die Initiative Awareness bedeutet Awareness, einen „rücksichtsvollen, verantwortungsbewussten und solidarischen Umgang miteinander zu etablieren und zu pflegen. Es sollen Räume geschaffen werden, die die Selbstbestimmung verschiedener Communities stärken – parteilich und solidarisch.“ (o.J.) In einer Online-Publikation der Stiftung für Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung wird Awareness als ein Schutzkonzept bezeichnet, „das Menschen dabei unterstützen soll, strukturelle Diskriminierung zu erkennen und Position für die Betroffenenperspektiven zu beziehen.“ (o. J.) Die Guardian Angels, seit vielen Jahren aktiv auf Veranstaltungen, betrachten Awareness als den „Prozess zur Bewusstseinsausbildung und Befähigung eines respektvollen Umgangs mit eigenen und fremden Grenzen in einer gemeinschaftlichen Verantwortung.“ (o. J.) Und die Fachstelle #MehrAlsQueer betrachtet Awareness in ihrem Leitfaden als bewussten „Versuch, Diskriminierungen zu erkennen und für Hierarchien innerhalb einer Gruppe bzw. Veranstaltung sensibel zu sein.“ (2022)
Als Aspekte der Awareness kann zusammengefasst werden die Sicherheit von Räumen, die kritische Reflektion der unterschiedlichen Positionen und Privilegien mit der ausdrücklichen Berücksichtigung der durch Personengruppen definierten Grenzen und der respektvolle Umgang.
Forschungsfragen
- Wie wird Awareness von Festival Veranstaltenden verstanden?
- Welche Inhalte und Schwerpunkte werden gesetzt?
Methode
Zwischen Juni und August 2024 haben wir Selbstaussagen auf den Websites von Festivals der Popularmusik in Deutschland (mit zwei Ausnahmen im grenznahen deutschsprachigen Ausland) zur Awareness gesammelt und nachfolgend analysiert. Die Analyse erfolgte auf Basis einer Codierung der Texte durch zwei Rater. Die Interrater-Reliabilität wurde erfasst. Die Codierungen wurden über die Anteile der Codes und durch Clusterbildung ausgewertet. Die Cluster erfolgten auf Grundlage der Textlängen der veröffentlichten Inhalte zum Thema Awareness in die Gruppen Kurze Texte mit weniger als 1.100 Zeichen (ohne Leerzeichen) oder weniger als 200 Wörter und die Gruppe Lange Texte mit mehr als 7.000 Zeichen (ohne Leerzeichen)oder mehr als 1.100 Wörter. Der zweite Auswertungscluster folgt der Aufteilung von Festivals der Studie zu Musikfestivals der statistischen Landesämter (Lutz et al. 2017) in der Kategorisierung nach Anzahl Besuchenden mit den Gruppen kleine Festivals (< 2.000 Besuchende), mittlere Festivals (< 10.000 Besuchende), große Festivals (< 50.000 Besuchende) und sehr große Festivals (≥ 50.000 Besuchende).

Erste Ergebnisse
- Keine direkte Beziehung zwischen Größe (Anzahl der Besuchenden) und Umfang der Awarenessinhalte abzuleiten. Stattdessen ist Selbstverständnis und Geschichte des Festivals von großer Bedeutung
- Erreichbarkeit, Codes zur sicheren Kommunikation, Darstellung des Awarenessteams oder Awarenessbereichs werden besonders häufig genannt
- Definition wird nach außen nicht ausdrücklich kommuniziert, sondern über Maßnahmen wie „Umgang mit anderen“ und Handlungsanweisungen (vor allem Don‘ts) vermittelt
- Durch Maßnahmen und Handlungsanweisungen vermitteltes Selbstverständnis entspricht den gängigen Definitionen von Awareness
- Handlungsanweisungen umfassen an vielen Fundstellen präzise Vorgaben zu Do`s und Don`ts
- Religiös-kulturelle Ausgrenzung (Islamophobie, Antisemitismus, kulturelle Ausgrenzung) werden häufig unter Rassismus subsummiert und nicht explizit aufgeführt
- Maßnahmen nach dem Festival finden eine nur geringe Berücksichtigung

Weitere Schritte
- Analyse der Don‘ts unter Einbeziehung des Selbstverständnisses (Selbstreflexion, Definition)
- Vergleich 2024 – 2025 Inhalte, Umfang und Anzahl der Festivals
- Tiefergehende Analyse bei Festivals mit langen Texten
- Awareness Akademie (o. J.). Glossar. Unter: https://awareness-akademie.de/glossar/ (10.03.2025)
- Fachstelle #MehrAlsQueer (2022). Awareness-Leitfaden. Unter https://www.mehralsqueer.de/wp-content/uploads/2022/02/Awareness-Digital-Broschuere-k6.pdf (10.03.2025)
- Guardian Angels (o. J.). Awareness. Unter: https://theguardianangels.de/eventpsychologische-services/awareness/ (10.03.2025)
- Initiative Awareness (o. J.). Awareness. Unter: https://www.initiative-awareness.de/informieren/awareness (10.03.2025)
- Lutz, J., Büdinger, A., Pfeil, C. & Schedding-Kleis, U. (2017). Musikfestivals und Musikfestspiele in Deutschland. Berlin: Statistische Ämter des Bundes und der Länder
- Stiftung für Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung (o. J.). Diversity Arts Culture. https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/awareness (10.03.2025)
- Wiesenthal, A. (2024). Antisexistische Awareness. Ein Handbuch. 3. Aufl.. Münster: Unrast